Manchmal muss ich offenbar meinen eigenen Blog lesen, um zu merken, wie viel Zeit vergangen ist. Vor ein paar Tagen bin ich zufällig bei meinem Beitrag über die Tunika mit Paisleymuster aus dem September 2016 gelandet. Darin ging es um ein Erinnerungskleidungsstück und um Erinnerungen im Kleiderschrank, von denen ich damals nicht ahnte, wie viele noch dazukommen würden.

Heute nähert sich die Tunika ziemlich ungerührt der Dreißig und sieht nicht so aus, als würde sie demnächst einen Antrag auf Ruhestand stellen. Im alten Beitrag hatte ich angekündigt, dass sie niemals in der Altkleidersammlung landen wird. Fast zehn Jahre später kann ich vermelden, dass ich mich ausnahmsweise zuverlässig an eine öffentliche Ankündigung gehalten habe. Beim Lesen fühlte sich der Beitrag plötzlich wie eine kleine Zeitkapsel an. Nicht nur wegen der Tunika, sondern wegen all der Menschen und Alltagssorgen, die damals ganz selbstverständlich darin vorkamen.

Eine Tunika aus einem anderen Leben

Gekauft habe ich die Tunika auf La Palma während eines Urlaubs mit meiner damaligen besten Freundin. Wir waren in Santa Cruz unterwegs, bummelten durch die Stadt, tranken Cortado, beobachteten Menschen und redeten vermutlich über alles, was uns damals wichtig erschien. Es war ein Leben vor Kindern, Sportbeuteln und der Frage, ob noch etwas fürs Pausenbrot im Haus ist. Wir konnten nachts um drei ins Bett gehen, ohne dass am nächsten Morgen jemand wissen wollte, wo die Cornflakes stehen.

Die Freundin von damals ist heute nicht mehr Teil meines Lebens. Die Freundschaft gibt es schon lange nicht mehr, die Erinnerungen an diese gemeinsame Zeit aber sehr wohl. Ein schöner Urlaub wird schließlich nicht rückwirkend weniger schön, nur weil Menschen später getrennte Wege gehen. Vielleicht bewahren Kleidungsstücke solche Erinnerungen auch deshalb so zuverlässig auf, weil sie keine Erklärungen verlangen. Sie hängen einfach im Schrank und warten, bis man sich wieder an etwas erinnert, das im Alltag längst in eine hintere Schublade gerutscht ist.

Fast zehn Jahre zwischen zwei Bildern

Das alte Foto in diesem Beitrag stammt aus dem Jahr 2016. Damals war die Tunika schon lange kein neues Kleidungsstück mehr. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt sogar meine beiden Schwangerschaften begleitet und damit deutlich mehr Familiengeschichte erlebt als manches Fotoalbum. Zwischen diesem Bild und den aktuellen Aufnahmen liegen fast zehn Jahre. Die Tunika wirkt davon relativ unbeeindruckt. Vermutlich liegt das daran, dass sie keine Elternabende besuchen, Zeugnisse unterschreiben oder sich Gedanken über schulische Laufbahnen machen musste.

Auf den Bildern sieht man dasselbe Kleidungsstück und trotzdem zwei verschiedene Zeiten. Genau das hat mich beim Wiederlesen so berührt. Man selbst lebt einfach weiter und merkt oft erst im Rückblick, wie viel sich währenddessen verändert hat. Inklusive des eigenen Spiegelbilds. Manchmal hat es doch Vorteile, wenn man einfach nur eine Brille absetzen muss, um die Dinge weniger klar zu sehen.

Porträt mit Paisley-Tunika, Sonnenbrille und heller Tasche

Vom Grundschulabitur zum richtigen Abitur

Als ich 2016 über die Tunika schrieb, kam mein Sohn gerade in die vierte Klasse. Das sogenannte Grundschulabitur stand bevor und ich hatte den Eindruck, von diesem Schuljahr hinge seine komplette weitere Existenz ab. Ob er später einmal etwas G’scheits lernen würde, schien sich unmittelbar an Hausaufgaben, Übertrittszeugnis und der zuverlässigen Anwesenheit des Sportbeutels zu entscheiden. Die Grundschule hatte ein bemerkenswertes Talent dafür, ganz gewöhnliche Dinge nach weitreichenden Lebensentscheidungen aussehen zu lassen.

Inzwischen besitzt der kleine Giftzwerg tatsächlich ein richtiges Abitur und hat sich an einer Universität eingeschrieben. Aus der damals noch sehr theoretischen Zukunft wird gerade langsam ein eigener Weg. Natürlich erledigt er die Einschreibung selbst. Zumindest behaupte ich das, während ich mich ganz beiläufig erkundige, ob wirklich alle Unterlagen abgeschickt wurden. Manche mütterlichen Gewohnheiten verschwinden offenbar deutlich langsamer als die Schulzeit.

Paisley-Tunika als Erinnerungskleidungsstück fast dreißig Jahre später

Und das Tochterkind packt auch noch

Als wäre ein Kind auf dem Weg an die Universität nicht schon ausreichend Beweismaterial, verlässt mich das Tochterkind auch noch für ein Auslandssemester. Sie nennt das Studium und persönliche Erfahrung. Ich nenne es eine ziemlich weiträumige Auslegung von Selbstständigkeit.

Natürlich freue ich mich für sie. Ich finde es großartig, dass sie diese Möglichkeit nutzt, neue Menschen kennenlernt und für eine Weile in einem anderen Land lebt. Ich möchte mir nur vorbehalten, das gleichzeitig ein kleines bisschen unverschämt zu finden.

Ich habe schließlich nicht jahrelang Brotdosen gepackt, Fahrdienste übernommen und nach verschwundenen Kleidungsstücken gesucht, damit beide am Ende gleichzeitig selbstständig werden. Wer hat denn bitte diese zeitliche Bündelung genehmigt?

Dass Kinder erwachsen werden, ist theoretisch bekannt. In der praktischen Umsetzung kommt es trotzdem überraschend plötzlich. Eben waren da noch Pferdefilme, Fußballfilme und Diskussionen über Gemüse. Jetzt werden Universitätsunterlagen verschickt und Koffer für mehrere Monate gepackt. What? Echt jetzt? Wo ist sie hin, die Zeit?

Paisley hat offenbar kein Verfallsdatum

Auch modisch hat die Tunika ihre Sache erstaunlich geschickt gelöst. Paisley verschwindet nie ganz, sondern wartet einfach ein paar Jahre, bis es wieder offiziell zum Trend erklärt wird. Auch 2026 taucht das Muster erneut verstärkt auf. Meine Tunika hat diese Entwicklung vermutlich nicht einmal bemerkt. Sie musste weder auf ein Comeback hoffen noch sich zwischenzeitlich unmodern fühlen. Sie war einfach da und wurde getragen.

Genau das mag ich an älteren Lieblingsstücken. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob sie gerade im Trend liegen. Sie gehören zum eigenen Stil und besitzen etwas, das sich auch mit der besten Rabattaktion nicht nachkaufen lässt.

Langjähriges Lieblingsstück mit Paisleymuster in einem roten Sommeroutfit

Vielleicht steckt die Zeit im Kleiderschrank

Vielleicht ist die Zeit gar nicht verschwunden. Vielleicht bemerken wir sie nur selten, solange wir mitten im Alltag stecken. Erst ein alter Blogbeitrag, ein Foto oder ein Kleidungsstück zeigt plötzlich, wie weit das Damals inzwischen entfernt ist. Meine Tunika erinnert mich daran, ohne dass ich sie deshalb zum Museumsstück erklären möchte. Sie ist kein Denkmal für eine vergangene Zeit, sondern immer noch ein Teil meines Lebens. Nur eines mit ziemlich viel Vorgeschichte.

Das ist vielleicht das Beste an einem Erinnerungskleidungsstück: Es kann all diese Geschichten tragen, ohne sie jedes Mal erzählen zu müssen. Dafür habe ich schließlich den Blog. Gibt es in deinem Schrank auch ein Kleidungsstück, an dem eine ganz persönliche Geschichte hängt? Und trägst du es noch oder bewahrst du es nur für die Erinnerung auf? Hab einen schönen Sonntag und vielen Dank, dass du dir die Zeit für meinen Beitrag genommen hast. Ich freue mich sehr, dass du hier bist und meinen Blog liest.

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Sommeroutfit mit Paisley-Tunika, roter Hose und heller Tasche

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