Ist Mode oberflächlich? Die Frage ist nicht neu, schon gar nicht, wenn man seit mehr als dreizehn Jahren einen Modeblog schreibt. In dieser Woche hat sie für mich trotzdem noch einmal eine andere Bedeutung bekommen.
Eine Nachricht hat mich sehr beschäftigt. Darin ging es um eine schwere persönliche Situation und um das Gefühl, dass vieles, was auf Instagram passiert, plötzlich vollkommen belanglos wirkt. Ich konnte diesen Gedanken sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig hat er bei mir etwas angestoßen, weil ich mich gefragt habe, was das eigentlich für das bedeutet, was ich hier seit Jahren mache.

Wenn sich die Maßstäbe verschieben
Es gibt Situationen, in denen sich der Blick auf das eigene Leben und auf alles drumherum verändert. Dinge, über die man sich gestern noch geärgert hat, erscheinen plötzlich nebensächlich. Diskussionen verlieren an Bedeutung, Termine werden kleiner und manches, was im Netz gerade riesig wirkt, schrumpft innerhalb weniger Minuten auf ein ziemlich überschaubares Maß.
Genau das hat mich an dieser Nachricht beschäftigt. Nicht, weil ich die Aussage über Instagram persönlich genommen hätte, sondern weil sie einen Gedanken berührt, den ich natürlich kenne. Denn ich schreibe hier sehr häufig über Dinge, die nicht lebensnotwendig sind. Mode gehört dazu, Beauty auch, und manchmal geht es einfach nur um einen Look, der mir gefällt.
In einer wirklich schweren Lebenssituation kann all das sehr weit nach hinten rutschen. Das muss man nicht schöner reden, als es ist.

Mode ist mehr als nur Kleidung
Trotzdem wäre es mir zu einfach, Mode deshalb grundsätzlich als oberflächlich abzutun. Kleidung war nie nur Kleidung. Sie erzählt viel über die Gesellschaft, in der wir leben, darüber, was als schön gilt, was als angemessen gilt, wer dazugehören möchte und wer sich bewusst abgrenzt.
Mode kann Status zeigen, Geld oder eben auch fehlendes Geld sichtbar machen. Sie kann Zugehörigkeit ausdrücken, Protest, Anpassung, Beruf, Alter, Milieu oder auch das Bedürfnis, mit all diesen Zuschreibungen möglichst wenig zu tun zu haben. Selbst die Entscheidung, sich gar nicht für Mode zu interessieren, findet am Ende ja trotzdem innerhalb einer Gesellschaft statt, die Kleidung ständig bewertet. Insofern trägt Mode durchaus ein großes Paket mit sich herum. Nur hilft dieses Paket eben nicht in jeder Situation weiter.

Wenn andere Dinge wichtiger werden
Wenn das Leben plötzlich ernst wird, verschieben sich Prioritäten. Dann ist die Frage nach einer neuen Hose vielleicht tatsächlich egal, auch wenn Kleidung sonst viel über uns und unsere Zeit erzählt. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht war genau das der Punkt, an dem ich länger hängen geblieben bin. Ich wollte weder sagen: Mode ist doch trotzdem wichtig, noch wollte ich sie kleinreden. Mir geht es eher um die Frage, ob Leichtigkeit automatisch belanglos wird, nur weil es gleichzeitig sehr schwere Dinge gibt. Ich glaube inzwischen, dass genau diese beiden Ebenen nebeneinander existieren können.

Nicht jede freie Minute muss schwer sein
Ich kenne es von mir selbst, dass ich manchmal genug habe von Nachrichten, Diskussionen und Themen, die noch eine Meinung von mir verlangen. Dann möchte ich nicht noch eine weitere Analyse lesen und auch nicht die nächste Katastrophe erklärt bekommen. Dann will ich mit Boomer raus, eine Serie schauen oder mich mit irgendetwas beschäftigen, das gerade keine gesellschaftliche Relevanz beweisen muss.
Das bedeutet nicht, dass mir die anderen Dinge egal sind. Es bedeutet nur, dass mein Kopf irgendwann voll ist und zwischendurch eine andere Aufgabe braucht. Genau darin können für mich auch leichte Inhalte ihren Platz haben. Ein Modeblog muss in so einem Moment keine Therapie sein und auch keine Welt erklären. Vielleicht reicht es manchmal, für ein paar Minuten einen anderen Gedanken zu haben.
Leichtigkeit wird nicht automatisch belanglos,
nur weil gleichzeitig schwere Dinge passieren.



Leichte Inhalte dürfen leicht bleiben
Was mich an Social Media gelegentlich anstrengt, ist dieses Bedürfnis, jedem Inhalt noch eine größere Botschaft mitzugeben. Ein Outfit soll dann nicht einfach schön sein, sondern gleichzeitig für Selbstliebe, Empowerment, Sichtbarkeit, Nachhaltigkeit und möglichst noch persönliche Weiterentwicklung stehen.
Natürlich können all diese Themen in Mode stecken. Gerade die Frage nach Sichtbarkeit von Frauen über 50 beschäftigt mich selbst immer wieder. Aber daraus folgt für mich nicht, dass jedes Kleidungsstück noch einen Bildungsauftrag braucht. Manchmal interessiert mich die gesellschaftliche Dimension von Mode sehr. Und manchmal finde ich eine Kombination einfach schön. Ich sehe darin keinen Widerspruch.

Ihr braucht von mir keinen Mode-Lehrplan
Die Frauen, die hier lesen, bringen ihre eigenen Erfahrungen mit. Sie haben ihren eigenen Geschmack, ihre eigenen Sorgen und ihre eigenen Ansichten darüber, was Kleidung für sie bedeutet. Ich muss ihnen deshalb weder erklären, was sie tragen sollten, noch aus jedem Look eine Grundsatzdebatte machen.
Ich zeige hier, was mir gefällt. Ich erzähle Geschichten, schreibe über Dinge, die mich beschäftigen, und manchmal hängt an einem Kleidungsstück so viel Erinnerung, dass daraus fast automatisch ein persönlicher Text entsteht. An einem anderen Sonntag gibt es einfach einen Look, weil ich Lust darauf habe. Genau diese Mischung ist für mich der Blog.

Auch Werbung soll hier nicht alles bestimmen
Das ist übrigens auch ein Grund, warum ich bei Kooperationen ziemlich genau hinschaue. Werbung gehört zu meiner Arbeit, und ich freue mich über Marken, die zu mir und zu diesem Blog passen. Trotzdem möchte ich nicht, dass aus jedem Beitrag automatisch eine Kaufaufforderung wird.
Seit 2013 schreibe ich hier über Mode, Alltag, Älterwerden, Erinnerungen und all die kleinen Dinge, die dazwischen liegen. Mal steckt mehr Gesellschaft drin, mal mehr persönliches Erleben und manchmal eben einfach Freude an Kleidung. So soll es auch bleiben.

Und heute gibt es trotzdem ein Outfit
Deshalb gibt es auch zu diesem Beitrag Modebilder. Nicht, weil ich damit beweisen möchte, dass Mode besonders wichtig ist, und auch nicht, weil ich dem Gedanken hinter diesem Text widersprechen möchte. Ich mag diesen Look, ich hatte Freude daran, ihn zusammenzustellen und zu fotografieren. Das darf heute genügen.
Vielleicht nimmt jemand eine Idee für den eigenen Kleiderschrank mit. Vielleicht schaut jemand einfach gerne die Bilder an. Und vielleicht ist einer anderen heute überhaupt nicht nach Mode. Auch das gehört für mich zu derselben Realität.

Vielleicht liegt genau darin die Leichtigkeit
Je länger ich über diese Nachricht nachgedacht habe, desto weniger geht es mir um die Frage, ob Mode wichtig oder unwichtig ist. Dafür ist sie als gesellschaftliches Phänomen ohnehin viel zu vielschichtig. Mir geht es eher darum, dass nicht jeder Inhalt zu jeder Zeit dieselbe Bedeutung haben muss. Manchmal kann Mode sehr viel über unsere Gesellschaft erzählen. Manchmal kann sie Haltung zeigen, Zugehörigkeit oder Abgrenzung sichtbar machen. Und manchmal darf sie einfach ein schöner Pullover, eine gute Hose oder eine Idee für den eigenen Kleiderschrank sein. Vielleicht besteht Leichtigkeit genau darin, nicht immer alles gleichzeitig tragen zu müssen.
Und wie ist das bei dir?
Mich würde interessieren, wie du damit umgehst. Gibt es Inhalte, die dir an schwierigen Tagen guttun, oder brauchst du dann vor allem Abstand von allem, was online stattfindet?
Danke, dass du auch heute wieder Zeit hier gelassen hast. Gerade bei einem Beitrag wie diesem weiß ich das sehr zu schätzen und wünsche dir einen schönen Sonntag.
DANKE 🖤
Details – Werbung:
Hose
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